Leben  >  Medienmenschen  >  Nachgefragt: Onlinejournalismus  >  Bernd Graff

„Das crossmediale Denken spielt eine große Rolle“

von Kolja C. Luft
Crossmediales Denken wird von Onlineredakteuren verlangt. Aber wie werden sich die Onlineredaktionen weiter entwickeln? Schwebt über uns bereits tatsächlich das „Damokles-Schwert der Wirtschaftlichkeit“? Diesen Fragen hat sich Kulturredakteur Bernd Graff von sueddeutsche.de in einem Interview gestellt.

Bernd Graff studierte Germanistik und Philosophie, bevor er bereits 1991 neben dem Studium als Redakteur zur Sueddeutschen Zeitung (SZ) kam. Zunächst war er hauptsächlich als Printredakteur im Feuilleton-Teil der Zeitung tätig und gehörte 1997 zu den Gründungsredakteuren der Online-Zeitung. Weiterhin in beiden Bereichen (Print und Online) beschäftigt, ist er heute Redaktionsleiter für den Bereich Kultur.

Der Hintergrund

Die Onlineredaktion der SZ besteht heute aus zehn Redakteuren, wobei nicht alle Redakteure ausschließlich der Online-Ausgabe angehören, sondern weiterhin auch Beiträge für die Printausgabe erstellen. Die Onlineredaktion wurde zunächst nur als „Spielbein des Süddeutschen Verlages gegründet“, so Graff. Es war nicht klar, wie es sich entwickeln würde. Heute sei die Online-Ausgabe die meistbesuchte Online-Tageszeitung bundesweit.

Schreiben vs. Schnelligkeit

Die Vorteile gegenüber der Printausgabe, so beurteilt Bernd Graff, Kulturredakteur von sueddeutsche.online, lägen in Zeit und Raum. Die digitalen Beiträge könnten schnell und direkt an den Leser gelangen. Gleichzeitig ergebe sich damit aber auch das Problem der Schnelligkeit: Man müsse produzieren, um hinterher zu kommen. „Häufig“, so Bernd Graff, „sind die Webauftritte der Zeitungen zur Printausgabe nur als Datenschleuder und Lieferant für den Print-Content gedacht“. Die Zeit für eigenständige speziellere Beiträge sei nur sehr begrenzt. Hinzu komme, dass die Onlineredaktionen aufgrund des begrenzten Budgets stark ausgedünnt worden seien. Oft würden die Redakteure auch auf Meldungen von Agenturen zurückgreifen, wobei der eigene Anteil an Beiträgen immer noch der größere sei. Laut Bernd Graff lohne es sich vor allem dann eine Nachricht auszugestalten, “je ressourcenhungriger“ sie sei. Obwohl die Nähe zum Medium eine gewisse Schnelligkeit voraussetze, sei die Arbeit sehr zeitaufwändig. Und gerade „Kulturredakteure lieben und leben für Ihre Artikel“. Man verbringe fast so viel Zeit mit der optischen Darstellung, beispielsweise mit Photoshop, wie mit dem Schreiben.

Ein gutes Gespür

Die wichtigsten Fähigkeiten, die ein Online-Journalist nach Graffs Ansicht haben sollte, sind nahezu deckungsgleich mit denen eines Printredakteurs: Ein gutes Gespür für Themen, eine kluge Herangehensweise an ein Thema und damit ein einhergehender Sinn für einen guten Stil, der abwechslungsreich und tiefgründig sein sollte. Das technische Know-How sei längst nicht mehr so wichtig wie zu Beginn des Internetzeitalters:
„Es wird ja schließlich nicht mehr in HTML geschrieben“. Ganz wichtig, so betont Bernd Graff, ist, „dass man als Journalist weiterhin auch im Printbereich arbeiten sollte, um komplex agieren zu können. Dabei spielt auch das crossmediale Denken eine große Rolle“. Außerdem solle man die Online-Ausgabe der SZ nicht nur als Teil vom ganzen verstehen, sondern vor allem als eigenständige Redaktion neben der SZ: „Die Online-Ausgabe ist kein Supplement mehr!“ Das hätten die Verleger auch schon gemerkt, aber ob sie es allerdings auch verstanden hätten, sei eine andere Frage, so Bernd Graff. Eine Konkurrenz sieht er deshalb auch eher zu Fernsehen und Radio, als zum Printbereich, weil die ähnlich schnell arbeiten müssen. In der heutigen Zeit, so sieht es Bernd Graff, seien die Onlineredakteure krisengestärkter, weil sie wirtschaftlich denken müssen. Printredakteure seien häufig noch unbeschwerter bei Ihrer Arbeit, weil über ihnen noch nicht ganz so sehr das „Damokles-Schwert der Wirtschaftlichkeit schwebe“.